“Ein Brasilianer in Berlin” von João Ubaldo Ribeiro

Der brasilianische Schriftsteller João Ubaldo Ribeiro zieht für ein Jahr nach Berlin und schreibt in dieser Zeit Kolumnen für die Farnkfurter Rundschau. Seine in den Jahren 1990/91 verfassten Kurzgeschichten über das Leben als Brasilianer in der seit kurzem nicht mehr geteilten Stadt spiegeln sowohl einen historisch sehr interessanten Zeitraum der deutschen Geschichte als auch einen liebe- und humorvollen Blick auf Eigen- und Fremdwahrnehmung, auf kulturelle Eigenheiten, Vorurteile und Neugierde.

Das Buch ist sehr unterhaltend und kurzweillig. Es gibt einem Einblicke in die brasilianische (und die deutsche) Seele und bringt einen immer wieder zum leisen Kichern und lauten Lachen. Empfehlenswert

  • für Leute mit Interesse an Brasilien, der Welt oder Geschichte
  • für Leser mit Humor, die auch gerne über sich selbst lachen
  • ab etwa 14 Jahren, da die historischen Gegebenheiten etwas Vorbildung brauchen
  • für Freunde der “Tante Jolesch”, die einem immer wieder beim Lesen in den Sinn kommt
  • für jeden, der gerne unterhaltsame Bücher liest
  • für Leute mit wenig Zeit oder wenig Konzentration. Denn das Buch ist kurz und enthält ausschließlich Kurzgeschichten von wenigen Seiten

Ein kurzes Zitat daraus:

“Dennoch ist das Leben hier manchmal recht schwierig, wie zum Beispiel heute. Das Telefon klingelte, ich nahm ab, ein sympathischer, höflicher Deutscher auf der anderen Seite wollte wissen, ob ich für einen Vortrag am Mittwoch, dem 16. November, um 20.30 Uhr Zeit hätte. Ich weiß, daß ein Deutscher nur schwer verstehen kann, warum ein Brasilianer eine solche Frage nicht begreift. Wie kann jemand mit solcher Genauigkeit so lange im voraus etwas festlegen wollen, diese Deutschen sind wirklich verrückt. Aber ich wollte nicht unhöflich sein, und wie immer bat ich meine Frau um Rat.

“Frau” sagte ich, nachdem ich den Anrufer gebeten hatte, einen Augenblick zu warten. “habe ich irgendeine Verabredung am 16. November, Mittwoch, um 20.30 Uhr?”

“Bist du verrückt?” sagte sie. “So eine Frage kann doch keiner beantworten.”

“Ich weiß, aber da ist ein Deutscher, der eine Antwort will.”

“Sag ihm, du gibst ihm morgen Bescheid.”

“Und wenn er morgen anruft? Er ist Deutscher, er wird morgen anrufen, er weiß nicht, was morgen heißt.”

“Ach, diese Deutschen spinnen doch. Du bist Schriftsteller, denk dir eine poetische Antwort aus, sag ihm, das Leben ist ein ewiges Morgen.””

Aus: “Ein Brasilianer in Berlin” von João Ubaldo Ribeiro. Erschienen im Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1994. S. 34-35.

ISBN 978-3-518-38852-5

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