Alles Brasilianisch

Was ist eigentlich Tapioka?

Tapioka ist der Name einer Stärke, die aus Maniok gewonnen wird. Also von Anfang an:

Manihot oder Maniok ist eine Pflanze, die in Büscheln wächst. Sie gehört zu den Wolfsmilchgewächsen, ist also auch mit unserem Weihnachtsstern verwandt. Die Pflanze war ursprünglich nur in Brasilien und Paraguay heimisch, wurde aber als Folge der Kolonialisation auf auch in Asien heimisch.

Auch die Maniokknolle wird viel verwendet. In Brasilien nennt man sie einfach nur Maniok. Da in manchen Maniokarten Blausäure enthalten ist, die aber nicht hitzeresistent ist, wird Maniok vor der Weiterverarbeitung oft erhitzt. Von Maniok unterscheidet man „Tapioka“, die Maniokstärke, für deren Herstellung es bestimmt unzählige verschiedene Methoden gibt. Mir wurde in Brasilien folgende Art erklärt:

Um Tapioka zu erhalten, muss man Maniok fein reiben und einweichen. Die daraus entstehende „masa“ wird ausgedrückt und die Flüssigkeit aufgefangen. Anschließend muss man das Wasser verdampfen lassen. Die zurückbleibende Stärke ist dann Tapioka und sieht dem bei uns verwendeten Maizena sehr ähnlich.

Tapioka wird sehr unterschiedlich verwendet: zum Backen, als Bindemittel, als bubble im bubble tea, für Pudding…

Geschmacklich lässt sich Tapioka nur schwer beschreiben: es schmeckt vor allem nach den beigefügten Zutaten und ein bisschen wie gutes Puder riecht.

… wenn Ihr ein neues Rezept habt, immer her damit! Wir freuen uns über jeden Beitrag!

Fußball! Erster Vorgeschmack auf die WM

Noch bevor die WM am 12. Juni eröffnet wird, gibt es für alle Fußballfreunde schon erste Berührungsmöglichkeiten:

»Gooool do Brasil – Kartografie

einer nationalen Leidenschaft« von Alois Gstöttner

Das Buch, das mehr als nur einen Einblick in brasilianischen Fußball gibt, ist Anfang März 2014 bei Club Bellevue erschienen. Eine ausführliche Buchbeschreibung mit Bildergalerie findet Ihr hier.

Der Autor des Buches, Alois Gstötter, wird bei den ORF Übertragungen als Experte im Bereich »Fußball in Brasilien, Geschichte, aktuelle Situation, Stadien, Austragungsorte« geladen sein. Zur Erscheinung des Buches wurde er von Standard interviewt. Dazu geht es hier entlang.

Mindestens soviel Aufmerksamkeit verdient die Podiumsdiskussion am

Donnerstag, 10. April 2014: »Brasilien im WM-Taumel: Die Fußballnation zwischen Begeisterung und Protest« um 19.00 in der Wiener Hauptbücherei.

 

Mehr dazu kann man hier lesen!

 

 

Frühstück auf brasilianische Art – Beiju

Während Pancakes, Full English Breakfast oder Weißwurstfrühstück als kulinarische Besonderheiten bei uns durchaus bekannt und geschätzt werden, ist eine brasilianische Frühstücksspezialität kaum bekannt: Beiju. Und das, obwohl die Herstellung einfacher nicht sein könnte und das Ergebnis nicht nur sättigend, sondern auch sehr schmackhaft ist!

Beiju (sprich: Bejschu) erinnert optisch stark an Palatschinken, ist aber geschmacklich doch ganz etwas anderes. Man kann es fantastisch vorbereiten und die Grundmasse auch länger aufbewahren. Mein Rekord war 2 Wochen, bis alles aufgegessen war. Vermutlich würde es noch länger halten…

Da auch dieses Rezept mit Tapioka gemacht wird, ist es 100% glutenfrei und außerdem laktosefrei und vegan.

P1050651Die Grundmasse besteht aus:

  • 50 dag (=500g) Tapiokastärke (aus dem Asialaden oder aus gut sortierten Supermärkten); ein Beiju braucht etwa 4 dag (=40g) Stärke.
  • 1/2 l Wasser

Ich kenne mittlerweile zwei Wege, Beiju zu machen, beide sind einfach:

P1050654Die erste Version: Man mischt Tapioka mit dem Wasser. Daraus entsteht eine optisch flüssige Masse, die aber in Wirklichkeit steinhart ist. Man nennt das auch nichtnewtonsches Fluid.

Nun lässt man die Masse 2-4 Stunden stehen, bis sich Stärke und Wasser wieder getrennt haben.
Anschließend gießt man das Wasser ab und legt ein trockenes Tuch über die Masse, damit das restliche Wasser abgezogen wird. P1050671 Die daraus entstehende Masse wird aufgelockert. Es sieht dann einem großen Haufen Kokosflocken ähnlich. Diese kann man im Kühlschrank gut aufbewahren.

Die zweite Version geht etwas schneller: man mischt immer ein wenig Wasser unter die Stärke und bricht diese sofort mit der Gabel oder einem Löffel wieder auf; so lange, bis keine trockene Stärke mehr über ist. P1050681


Das Endresultat ist identisch, es ist eher eine Frage des Hungers…

Will man aber Beiju machen, muss man nun eine Pfanne ohne Öl erhitzen und streut so viele Tapiokaflocken hinein, bis der Boden gut bedeckt ist und verteilt sie gleichmäßig in der Pfanne.
P1050659 Anschließend streut man eine Prise Salz darüber und wartet etwa 3 Minuten.
Nach einer Weile sind die Flocken verschmolzen und man kann den Beiju wie eine Palatschinke wenden.
Wenn beide Seiten gebraten sind, aus der Pfanne nehmen und eine Hälfte füllen. Dafür eignen sich:

P1050662 Rühreier, frisches Obst, Marmeladen, geschmolzene Schokolade und sicher noch ganz viel anderes, was ich noch nicht ausprobiert habe.

Dann die leere Seite drüber klappen und möglichst schnell essen, da Beiju heiß am Besten schmecken!

Normalerweise schafft ein normaler Esser zum Frühstück 3-4 Beijus. Übrigens hat dieses Frühstück den “mäkeligen Kleinkindertest” bestanden, ist also auf jeden Fall für empfindliche Kindermägen geeignet.

Und damit einen guten Morgen! P1050667

Österreich – Brasilien waren schon frühzeitig verbunden

Beziehungen sind im politischen Zusammenleben sehr wichtig und oft forcierte man diese Beziehungen durch Kriege. Wer gewonnen hat, ist im Recht.

Während Männer erbberechtigt waren und in der Gesellschaft hohe Positionen einnehmen konnten, waren Töchter für dynastische Verbindungen wichtig – sie konnte man verheiraten und so war man rasch mit der ganzen Welt verwandt. Die Habsburger betreffend gab es den Ausspruch des Matthias Corvinus: „Mögen andere Kriege führen, Du, glückliches Österreich, heirate“.

So verhält es sich auch mit dem Schicksal von Leopoldine von Österreich.

Maria Leopoldine of Austria Brasilia1

Jean-Baptiste Debret [Public domain], via Wikimedia Commons
Das waren in aller Regel keine Hochzeiten aus Liebe, sondern sie gehorchten der Vernunft und vor allem der Staatsraison. Leopoldines Schwester, Maria Ludovica, wurde beispielsweise mit Napoleon verheiratet, weil dieser sich aus dynastischen Gründen einen Sohn von einer Kaiserstochter wünschte. Sie brachte den einzigen Sohn von Napoleon, den Herzog von Reichstadt, zu Welt. Dieser starb jedoch in jungen Jahren in Wien, als Napoleon bereits auf St. Helena verbannt worden war..Die berühmte Erzherzogin Maria Theresia, die Großmutter von Kaiser Franz II(I), dem Vater von Leopoldine, zum Beispiel hatte 16 Kinder, die sie größtenteils während ihrer Regierungszeit zur Welt gebracht hatte. Sie allerdings hat aus Liebe heiraten können. Leopoldines Vater Franz II (I)  hatte 13 Kinder mit vier Ehefrauen. Nicht alle Kinder haben das Kindesalter überlebt.Durch die Vermittlungen und Verhandlungen von Staatskanzler Metternich  wurde Leopoldine dem portugiesischen Thronfolger, der mit seinem Vater Joao VI. in Brasilien residierte, versprochen.

Im Jahre 1817 fuhr die 20 Jahre alte Habsburgerprinzessin Leopoldine ( 1797-1826 ), mit dem portugiesischen Schiff „Dom Jao IV“ von Livorno, begleitet von einer großen Entourage und vielen Wissenschaftlern nach Brasilien, um dort den portugiesischen Kronprinzen Dom Pedro I zu heiraten. Sie reiste über Land bis Livorno und am 15. August stach sie in See. Eine sehr lange Reise, die einen Abschied für immer von der Familie und Wien bedeutete. Ihre glanzvolle Ankunft in Rio de Janeiro erfolgte am 5. November. Hier traf sie zum ersten Mal mit ihrem künftigen Gemahl zusammen.

Leopoldine hatte großen Einfluss, dass es das Land Brasilien in seinen jetzigen Ausmaßen gibt. Der aus Portugal stammende Dom Pedro, ihr Gemahl, wollte gemeinsam mit seinem Vater 1820 zusammen mit dem Hofstaat nach Portugal zurückkehren. Aber es ergab sich anders: Er blieb als Stellvertreter seines Vaters in Brasilien, die Trennung Brasiliens von Portugal erfolgte 1822 durch einen einstimmigen Beschluss des Staatsrates unter dem Vorsitz von Leopoldine – mit ihrer freudigen Zustimmung – und war die Geburtsstunde Brasiliens. Im selben Jahr wurde Dom Pedro zum Kaiser von Brasilien gekrönt.

Leopoldine ist heute noch verhältnismäßig bekannt in Brasilien, auch weil sie sich sehr für die Fauna und Flora ihres neuen Heimatlandes interessiert hat und viele Forschungsreisen in diesem großen Land unternommen hat. Als ihr Mann 1822 im Alter von 24 Jahren zum Kaiser von Brasilien gekrönt wurde, wurde sie endgültig die gefeierte „nossa mãe“ (unsere Mutter) des brasilianischen Volkes. Bis heute wird ihr Namenstag, der mit dem Nationalfeiertag am 15. November zusammenfällt, gefeiert.

Hanna Tiechl, stellvertretende Obfrau des Vereins Kinderhilfe Brasilien

Tipps für Brasilienreisen

Meine Familie verbrachte 2008 zu fünft 16 Tage lang einen wunderbaren Urlaub in Rio de Janeiro, in Manaus, in einer Lodge am Rio Juma und in Salvador da Bahia. Bei Planung und Organisation machten wir sehr gute Erfahrungen mit dem Reisebüro RuppertBrasil und in Rio mit dem Reisebuchautor und Reiseführer Helmuth Taubald. RuppertBrasil war auf unsere Fragen/Bitten viel ausführlicher und kenntnisreicher eingegangen als vier andere Reisebüros. Mit dem 1990 von Deutschland nach Rio de Janeiro ausgewanderten, ehemaligen Lehrer und Dozenten Helmuth Taubald nahm ich Kontakt auf, nachdem mir sein im DuMont Verlag erschienenes Buch „Richtig Reisen Brasilien“ gut gefallen hatte.

Peter Eppel, Förderer der Kinderhilfe Brasilien

 

CD „Por causa do samba“

Der 1960 in Passo Fundo/Rio Grande do Sul geborene Gitarrist, Sänger, Perkussionist und Komponist Alegre Corrêa gilt mittlerweile als Doyen des österreichischen Brazil-Jazz. Die wunderbare brasilianische Sängerin Ana Paula da Silva ist wieder aus Österreich in ihre Heimat zurückgekehrt, aber die von den Beiden 2006 aufgenommene CD „Por causa do samba“ bietet eine wunderbare Erinnerungsmöglichkeit an die gemeinsamen Wiener Auftritte von Correa und da Silva.

Peter Eppel, Förderer der Kinderhilfe Brasilien

Pão de Queijo – Brasilianische Käsebällchen

Als ich 2006 meine Mutter bei ihrem Sabbatical in Brasilien besuchen durfte, lernte ich ein wunderbares Essen kennen. Als langjährige Zöliakiebetroffene, das heißt, ich darf kein Gluten essen, sind Reisen in fremde Länder immer eine Herausforderung: Was wird man essen dürfen? Wird man Neues entdecken? Wie kompliziert wird eine glutenfreie Ernährung?

Angekommen war die Antwort schnell gefunden: Es wird sehr einfach. Überall, bei jedem Bäcker, an jeder Straßenecke gibt es glutenfreie Leckereien – vor allem, da Tapioka und Reis die Grundzutat vieler Speisen ist. Tapioka ist die Stärke der Maniokwurzel und garantiert glutenfrei.

Besonders lecker und für zwischendurch mehr als geeignet sind die Pão de Queijo “Käsebrötchen”. Egal wo ich diese leckeren Brötchen mitnehme, zum Grillen, auf Ausflüge oder zu Freunden, der Duft und der Geschmack dieser kleinen Leckereien führt immer zu einer “heißen Schlacht am kalten Buffet”. Der Insidertipp ist also: bevor man ankommt, schon eines essen. Wer weiß, wie viel man sonst noch ergattert…

Nun zum Rezept, das etwa für 4 Personen als Beilage reicht.


30 dag (=300 g) Tapiocastärke (erhält man in jedem Asialaden und in gut sortierten Supermärkten)
30 dag (=300 g) geriebene Käse (Gouda, Emmentaler oder geschmackigeren Bergkäse. Ich verwende dazu gerne Reste)
3 Eier
100 ml Milch
50 ml Olivenöl
1/2 Päckchen Backpulver
Salz und Pfeffer
P1050343 Kopie



Teig
Pao roh2Alle Zutaten werden in einer Schüssel gut verrührt. Es entsteht ein flüssiger Brei. Keine Sorge: Das ändert sich. Anschließend mindestens eine Stunde kühlen, am Besten im Kühlschrank. Ich setze den Teig auch schon mal am Vortag an, dann gibt es zum Frühstück frisches Gebäck…
Den Backofen auf 250° C vorheizen. Aus der mittlerweile gestockten Masse kleine runde Bälle formen. Da die Brötchen gut aufgehen, kann man die Bällchen zwischen der doppelten Größe einer Walnuss und der einfachen Größe eines Tennisballs machen. Anschließend in den Ofen schieben etwa 15 Minuten backen.


WICHTIG: Die Brötchen schmecken warm am Besten. Kalt werden sie schnell trocken. Also am besten so backen, dass man sie anschließend zügig vernichtet.

Pao fertig

Freundschaftsbänder knüpfen

2006 erhielt ich aus Brasilien einen Anruf. Meine Mutter war am anderen Ende der Leitung. Sie hatte sich daran erinnert, dass ich als Kind sehr gerne Freundschaftsarmbänder geknüpft habe und wollte das den Kindern der Fundação Asas beibringen. Also habe ich Ihr am Telefon diktiert, wie man einfache Bänder macht.

P1050312Man braucht, je nach Länge des Freundschaftsbandes, mindestes 1 Meter lange dünne Fäden in verschiedenen Farben. Die Anzahl der Fäden sollte durch 3 oder 4 teilbar sein, dann geht es leichter; am besten entweder 6 oder 8.

1. Man verknotet die Fäden am oberen P1050313Ende und fixiert das Ganze irgendwo mit einer Sicherheitsnadel. Zum Beispiel an der eigenen Hose, dem Rücken eines Freundes, einem Ast oder was einem sonst vor die Nase läuft.

2. Man macht einen Zopf, der min. 6 cm lange ist. Er wird anschließend zum Verknoten gebraucht und sollte daher nicht zu kurz sein.P1050315

3. Man beendet den Zopf mit einem Knoten.P1050316

4. Anschließend legt man die Fäden nebeneinander auf. Die Fäden sollten in der Reihenfolge liegen, wie sie nacheinander geknüpft sein sollen.

5. Man nimmt den ersten und zweiten Faden in die Hand. Mit dem ersten Faden schlägt man eine Schlaufe um den zweiten Faden und zieht diese an. P1050317

Das wiederholt man noch einmal. So entsteht ein kleiner Knoten.

P10503186. Mit dem ersten Faden macht man je 2 Schlaufen um die folgenden Fäden, bis man die Reihe durch hat.

7. Nun wird der zweite Faden um den Dritten geschlungen. So knüpft man Faden für Faden bis man genug Band für ein Handgelenk beieinander hat.

P10503298. Am Ende knotet man die Fäden wieder zusammen, flicht einen Kopf von min. 6 cm Länge und schließt das Band mit einem Knoten ab.

Und fertig ist das Freundschaftsband.P1050337

In São Miguel war das Knüpfen übrigens ein voller Erfolg: Fäden konnten die Kinder einfach auftreiben und so war es für sie möglich, ohne Kosten schnell und einfach etwas zu basteln, was sie herschenken und stolz tragen konnten.

Meine Mutter hat mir als Beweis ein Foto geschickt, wie die Kinder der Fundação einen Baum als Stütze für ihre Bänder verwenden

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Und 2007 erhielten wir ein Packet voller Freundschaftsbänder der Kinder, die für alle Förderer des Kinderbildungszentrums gedacht waren! Jedes war mit dem Namen des Kindes versehen, dass das Band geknüpft hat!

 

“Ein Brasilianer in Berlin” von João Ubaldo Ribeiro

Der brasilianische Schriftsteller João Ubaldo Ribeiro zieht für ein Jahr nach Berlin und schreibt in dieser Zeit Kolumnen für die Farnkfurter Rundschau. Seine in den Jahren 1990/91 verfassten Kurzgeschichten über das Leben als Brasilianer in der seit kurzem nicht mehr geteilten Stadt spiegeln sowohl einen historisch sehr interessanten Zeitraum der deutschen Geschichte als auch einen liebe- und humorvollen Blick auf Eigen- und Fremdwahrnehmung, auf kulturelle Eigenheiten, Vorurteile und Neugierde.

Das Buch ist sehr unterhaltend und kurzweillig. Es gibt einem Einblicke in die brasilianische (und die deutsche) Seele und bringt einen immer wieder zum leisen Kichern und lauten Lachen. Empfehlenswert

  • für Leute mit Interesse an Brasilien, der Welt oder Geschichte
  • für Leser mit Humor, die auch gerne über sich selbst lachen
  • ab etwa 14 Jahren, da die historischen Gegebenheiten etwas Vorbildung brauchen
  • für Freunde der “Tante Jolesch”, die einem immer wieder beim Lesen in den Sinn kommt
  • für jeden, der gerne unterhaltsame Bücher liest
  • für Leute mit wenig Zeit oder wenig Konzentration. Denn das Buch ist kurz und enthält ausschließlich Kurzgeschichten von wenigen Seiten

Ein kurzes Zitat daraus:

“Dennoch ist das Leben hier manchmal recht schwierig, wie zum Beispiel heute. Das Telefon klingelte, ich nahm ab, ein sympathischer, höflicher Deutscher auf der anderen Seite wollte wissen, ob ich für einen Vortrag am Mittwoch, dem 16. November, um 20.30 Uhr Zeit hätte. Ich weiß, daß ein Deutscher nur schwer verstehen kann, warum ein Brasilianer eine solche Frage nicht begreift. Wie kann jemand mit solcher Genauigkeit so lange im voraus etwas festlegen wollen, diese Deutschen sind wirklich verrückt. Aber ich wollte nicht unhöflich sein, und wie immer bat ich meine Frau um Rat.

“Frau” sagte ich, nachdem ich den Anrufer gebeten hatte, einen Augenblick zu warten. “habe ich irgendeine Verabredung am 16. November, Mittwoch, um 20.30 Uhr?”

“Bist du verrückt?” sagte sie. “So eine Frage kann doch keiner beantworten.”

“Ich weiß, aber da ist ein Deutscher, der eine Antwort will.”

“Sag ihm, du gibst ihm morgen Bescheid.”

“Und wenn er morgen anruft? Er ist Deutscher, er wird morgen anrufen, er weiß nicht, was morgen heißt.”

“Ach, diese Deutschen spinnen doch. Du bist Schriftsteller, denk dir eine poetische Antwort aus, sag ihm, das Leben ist ein ewiges Morgen.””

Aus: “Ein Brasilianer in Berlin” von João Ubaldo Ribeiro. Erschienen im Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1994. S. 34-35.

ISBN 978-3-518-38852-5